Familie

Ich geb‘ dir mein Wort, bis es fusselig geredet ist.

Oft habe ich das Gefühl, dass Worte allein meist kein Gewicht mehr haben. Alles will belegt und bewiesen werden. Vor allem dann, wenn es noch nie gesagt oder hinterfragt worden ist.
Es muss Halt und Hand und Fuß und Gewicht haben, gut durchdacht sein und passen.
Es sollte konform gehen mit der allgemeinen Meinung, denn wenn nicht musst du es berechtfertigen und belegen und dir den Mund fusselig reden.
Standhaft bleiben.

So macht Kommunikation für mich aber keinen Spaß. 

Ich will mich hingeben in Worten und fantasieren, manchmal konstruieren und mich irren und mich ganz offen und auch neugierig eines Besseren belehren lassen. Ich möchte nicht im Keim erstickt werden und die Unvollständigkeit meines Satzes stehen lassen müssen, um ihn überbügeln zu lassen und neu geformt im Antlitz einer fremden Sinnhaftigkeit zurück lassen.

Ich möchte mich ausdrücken. Mal verrückt und infantil, mal mit Stil, mal braucht es auch gar nicht viel, denn >>Nein.<< ist ein vollständiger Satz.

 

Kannst du überhaupt Nein sagen? Ich kann es nämlich nicht. Jedenfalls nicht so gut, schon gar nicht zu anderen Erwachsenen, aber immer besser. 

Dabei ist ein Nein so ausdrucksstark und vielsagend und selbst die Kleinsten merken schnell, dass auf ein einfaches Nein die besten Reaktionen Folgen. 

Dennoch haben wir hier im Umgang mit den Kindern das Nein um ein vielfaches reduziert und nutzen es lediglich dosiert und durchdacht.
Ich war es irgendwann leid ständig Nein sagen „zu müssen“ (alleine diesen Gedanken kann ich heute schon nicht mal mehr nachvollziehen) und in diese unverstandenen Augen zu blicken ohne diesem Nein in irgendeiner Form einen Sinn verleihen zu können. Kein Hand, kein Fuß – nur Nein.
Der einzige Sinn dahinter war meine Überforderung, meine eigene Erwartung an irgendwas und der Gedanke als großer erfahrener Mensch dem kleinen unerfahrenen Menschen mal richtig was zu sagen zu haben. -Großes Kino- Zu wirken in deren Kreis und ihr Handeln ein Stück weit für mich kontrollierbar zu machen. Denn -omfg- wer will schon unkontrollierbare Kinder?? 

Der Wandel in unserem Umgang mit unseren Kindern begann also mit einem einzigen vierbuchstabigen Wort, das ich zu sagen leid war.
Und das hat nicht mal bewusst stattgefunden, sondern startete ganz von alleine im Rahmen meiner stetigen Reflektion mit mir selbst.
Oft geschah diese Reflektion aber erst dann, wenn das Nein schon in den Brunnen gefallen war. Das war aber gar nicht schlimm, denn das Tolle an den Worten und dem Vertrauen ist, dass man sie – sofern sie nicht ultra messerscharf gewesen sind – bis zu einem gewissen Grad zurück nehmen und eben noch mal überdenken kann, auch wenn sie schon längst gesagt worden sind.

Warum zum Teufel habe ich Nein gesagt? War das jetzt nötig? War das eine Laune oder Impuls? 

Ich habe das ständig reflektiert und tue das bis heute. Und das tue ich nicht aus dem Grund, weil ich nicht möchte, dass meine Kinder Frust erfahren, sondern aus dem einfachen Grund meinen Kindern auf Augenhöhe begegnen zu wollen. Von Mensch zu Mensch. 

„Nein, jetzt nicht.“ „Nein.“ „Nein, dafür bist du noch zu klein“ „Nein, das will ich jetzt einfach nicht.“ 

Au weia. Für mich sind das grauenhafte Sätze, die ich sicher auch selbst dann und wann benutzt habe. Die sagen so viel nicht, das mir die Tränen kommen könnten. 

Es gibt so eine Grafik, die ab und zu mal über Facebook geistert. „Was Kinder Ohren brauchen…..“ Die brauchen laut dieser Grafik nämlich Folgendes: „1. Ich hab dich lieb. 2. Ich glaube an dich. 3. Gut gemacht. 4. Du bist etwas Besonderes. 5. Ich bin stolz auf dich.“
Hast du bestimmt mal irgendwo gesehen. 

All das ist weder in nackter Wortform noch im Kontext der eben angeführten Neins vorhanden, die eher sagen „Ich weis gerade selber nicht weiter, wo mir der Kopf steht oder wie ich dir und mir helfen kann. Mir ist dein Wissens- und Entdeckerdurst gerade ein bisschen zu viel, auch wenn ich dich sehr lieb habe.“ – vollkommen menschlich, vollkommen verständlich.
In einer Familie kommen so unwahrscheinlich viele Meinungen, Bedürfnisse, Emotionen und Befindlichkeiten zusammen, dass es ein utopischer Gedanke ist es jedem immer und sofort perfekt recht zu machen. 

Aber Sprache, aber Worte sind ein Anfang.
Worte bedeuten immer Interaktion. Sie bedeuten Kommunikation und wecken Mimiken. Im Sprechenden und Hörenden gleichermaßen. Sie halten uns oft zusammen – führen aber auch dazu, dass wir manchmal etwas voneinander abrücken möchten. 

Dennoch lassen sich all die laut Grafik Kinderohren gewollten Phrasen ganz toll in einfachen Worten verpacken. Denn gerade da macht meiner Meinung nach die Dosis das Gift.
Ich selber möchte gar nicht 10 mal am Tag hören wer mich lieb hat, ich möchte auch nicht 8 mal hören wie stolz jemand auf mich ist oder das ich etwas besonderes bin.
Ich möchte das viel lieber Worten entnehmen können. Der Art wie mit mir gesprochen wird, der Art wie mir zugehört wird und der Art der Wechselwirkung, die beim Verwenden der Worte entsteht. Ich möchte etwas, was wir wohl alle wollen.
Ich möchte gesehen und wahrgenommen werden, ich möchte mich ernst genommen fühlen und wissen, dass ich in mich meiner Vertrauten Umgebung, nämlich in der, in der die Menschen um mich herum mich lieb haben, an mich glauben, mich wertschätzen und stolz auf mich sind, entfalten und wohlfühlen kann.
Ich möchte mitwirken und mich geltend machen, mich einbringen und dabei sein – ohne eine stetige Wertung zu erfahren. Da wo man mich liebt, mich schätzt und sieht – da möchte ich frei sein.
Und ich bin mir sicher meine Kinder möchten das auch. Vielleicht manchmal noch viel mehr als ich selbst.
Und ich finde dann schulde ich ihnen auch einen Grund für mein Nein. Einen aufrichtigen, nachvollziehbaren Grund, der dann doch vielleicht ein kleines bisschen Sinn macht. 

Mir hilft es immer sehr mich in meine Kinder hinein zu versetzen oder mich daran zu erinnern wie ich selbst als Kind war und wie ich mich gefühlt habe.
Das gelingt natürlich nicht immer und es gibt dann auch mal Reibereien und sogar Streit aber das Gefühl ist dann ein ganz anderes, wenn ich mich reflektiert auf die Konfrontation eingelassen habe. 

„Jetzt diskutier doch nicht immer alles mit deinen Kindern.“ – ja doch. 

Das ist so toll. Das ist auch mühsam und manchmal anstrengend, keine Frage. Aber ist es nicht klasse sich in die Kinderwelt, die Kinderlogik zu begeben? Da gibt es so viel zu entdecken, was wir Erwachsenen schon längst nicht mehr auf der Pfanne haben. Ich höre so gerne zu beim Diskutieren mit meinen Kindern, gerade weil es immer wieder meinen Horizont erweitert und unsere Bindung ungemein stärkt. 

Mal ehrlich. Das sind meine Kinder. Warum sollte ich mit denen auf eine Art reden, auf die ich nicht einmal mit meiner besten Freundin sprechen würde?
Ich glaube fest daran, dass ein dosiertes und durchdachtes Nein nicht nur unser Vertrauen zueinander und unsere Bindung stärkt, sondern auch unser Selbstvertrauen und unseren Selbstwert.

So ein kleines Wort…

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