Fotografie

Wenn du den Rand des Seins gesehen hast, lernst du den Moment zu schätzen.

Und genau so begann meine Liebe zur Fotografie.

Eine Kamera war in diesem Haushalt schon vorhanden bevor wir Kinder hatten. Interesse hatte ich dafür nie. Das war sein Ding. Seine Kamera, seine Fotos und sein Photoshop.
Ich habe ihn gern dabei beobachtet, war definitiv begeistert von dem was er da schuf, aber vom Hocker gehauen hat es mich nie.
Mir reichte mein Handy. Darauf habe ich tatsächlich schon immer Wert gelegt.

Nicht das Aussehen oder die Auswahl der Klingeltöne waren mir wichtig, sondern eine gute Handykamera, um mein Drumherum zu dokumentieren. Schnappschüsse. Mehr war das nicht.
Als wäre ich zu faul gewesen mir die Eindrücke selber zu merken. Also wurde sicherheitshalber alles geknipst und abfotografiert, was ich nicht vergessen wollte.
Um die Schönheit des Moments ging es dabei nie. Natürlich fotografierte ich auch schöne Momente, aber nicht, weil sie schön waren oder weil sie besondere Emotionen boten, sondern lediglich um sie zu archivieren.
Das reicht doch. Genau dafür hat das Ding doch eine Kamera.

Und entgegen der sperrigen Spiegelreflexkamera vom Typen, bei der man die Bilder auch noch umständlich am Pc entwickeln musste, hatte ich mein Schnappschussarchiv immer in der Hosentasche.

Was da mittlerweile für Datenmengen entstanden sind, will ich ehrlich gesagt gar nicht mehr wissen, denn die 163926 Bilder, sieht sich doch heute keiner mehr an.
Der Typ sagt immer „Die beste Kamera ist die, die du dabeihast.“, und ja, auch eine Handykamera kann wundervolle Fotos entstehen lassen, aber dafür musst du dich einlassen auf die Fotografie.
Mir war das ehrlich gesagt auch alles immer zu technisch und nicht einfach genug – ich hatte mich damit aber auch nie auseinandergesetzt.

Seit fünf Jahren betreibe ich eine Nähseite auf Facebook und nach und nach zog ich mir immer häufiger den Typen mit seiner Kamera heran, um mich oder die Kinder in den genähten Werken zu präsentieren. Dann und wann wagte ich es auch ganz alleine mit der voreingestellten Kamera Bilder der Nähwerke zu machen.
Dabei entstanden immer häufiger auch wunderschöne situative Fotos, die durch ihren ungestellten Charme etwas ganz Besonderes waren und mit meinen archivierten Erinnerungen nicht mithalten konnten.

Mehr und mehr fand ich auch den Gefallen am lebensnahen Bildstil, bei dem die Gemütlichkeit unseres Hauses und unsere Verbundenheit wiedergegeben wird.
Im Wochenbett unserer jüngsten Tochter sind so wundervolle dosierte Fotos entstanden, die die hier herrschende Ruhe und die Gefühle dieser einzigartigen Zeit nachfühlbar zeigen.
Wie wertvoll das ist habe ich tatsächlich erst Monate später festgestellt, als ich mir die Bilder noch einmal angesehen habe.
Ich gewann die Erkenntnis was Fotos alles transportieren können, wenn man sie nicht nur Abbilden lässt.
Nachdem sich unser Sohn nach einem langen Krankenhausaufenthalt wieder zu Hause war, um sich zu berappeln und wieder auf die Beine zu kommen schoss ich bei einem Spaziergang zufällig dieses Foto von ihm und dem Typen.


Ein Foto, das ich mir bis heute wieder und wieder ansehe. Für mich gibt es so viel zu sehen auf diesem einzelnen Bild meiner zwei Jungs.
Zwei Kämpfer, die unwahrscheinlich tapfer durchgehalten haben in einer dunklen Zeit. Zwei, die niemals aufgegeben haben als selbst die Ärzte es taten. Zwei, die eine ganz besondere Verbindung haben und deren positive Energie alle drum herum ansteckt. Zwei Menschen für die es keine Grenzen gibt und die ihr Leben lang zusammenhalten werden.

Ein Bild, das so viel Lebensfreude, Lebenswillen und verbindliche Liebe zeigt.
Wenn unser Sohn nicht überlebt hätte, hätten wir zu diesem Zeitpunkt weder ein aktuelles Foto von ihm, noch von uns als Familie gehabt. Erinnerungen ohne Schnappschüsse. Die wären uns geblieben.
Wundervolle Erinnerungen, keine Frage.
Unser Herz ist groß und fähig gemeinsam mit unserem Verstand von tollen Erlebnissen zu zehren und sie zu behalten, wieder abzurufen und uns zurück vor Augen zu halten.
Aber manchmal verblassen Erinnerungen, vor allem die an die Emotionen.
„Weist du noch wo wir waren?“, ist leicht. Aber „Weist du noch wie wir uns fühlten?“ ist schon eine kleine Herausforderung.
Ich finde es schön, wenn Erinnerungen eine kleine Stütze im dosierten Rahmen erhalten.

Aber wir haben so viel mehr gelernt in und nach dieser Zeit des Kämpfens und Durchhaltens:

Bindung: Das Wohl größte Geschenk der Selbsterkenntnis. Die Welt kann untergehen, wir können tagelang weinen. Aber wir haben uns und das große warme dazwischen. Unsere Bindung.
Und Bindung ist so bunt und facettenreich. Verbunden sind wir alle, aber alle auf eine andere Art und Weise bei gleicher Intensität. Das lässt uns staunen und lernen und manchmal auch über uns hinauswachsen.

Familie: Das ist so viel mehr als ein Pulk aus Verwandtschaft. Das ist ein Team. Das ist Zusammenhalt. Das ist die tägliche Bereicherung an winzig kleinen Dingen und Erkenntnissen. Da fließt Geborgenheit und Wärme. Jeder einzelne Kopf dieser Familie ist mit all seinen Facetten ein Alltagsheld. Denn nur zusammen sind wir ein Ganzes und jeder für sich ein Brunnen der Einzigartigkeit.

Natur: Wurzeln, Erde, Blätter, Blumen, Meerwasser, Strandsand, Kreidemalereien auf uralten Gehwegplatten und der Wind, der dir um die Nase weht und dich umringt von Gerüchen und Eindrücken. Die Natur zu schätzen und zu lieben, der Versuch mit ihr in den Einklang zu kommen, ihr etwas zurück zu geben und sich geborgen fühlen in Mitten von Bäumen und das erleben der Abenteuerlust, wenn du Barfuß in der Brandung stehst. Lassen wir uns darauf ein, prägt sie uns und unseren Umgang miteinander.

Alltag: Ein Zusammenspiel aus müssen und dürfen und das Hervorheben der kleinen magisch anmutenden Dinge, die wir entlang des Tages aufsaugen können. Das Spielzeug auf das wir treten und die Türme aus Klötzen, die wir bauen. Wenn wir uns zugestehen alles sein zu können was wir wollen, schwingen wir mit in einer bunten Routine, die sich immer wieder neu erfindet.
Ein Zusammenspiel aus all dem und all dem was täglich neu ist, lässt Tag für Tag meine Liebe zur Fotografie wachsen.

Bilder zu erschaffen, bei deren Anblick wir von Emotionen und Erinnerungen gleichermaßen zehren können. Die unsere Herzen zum schlagen bringen und die wir uns immer und immer wieder ansehen wollen. Die unsere Wände zieren und gute Laune machen. Bilder, die wir gerne zeigen, weil wir damit ein Stück von uns teilen wollen.

Bilder voller Bindung, Natur, Familie und Alltag.

Bilder von Alltagshelden.

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